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Neuer Therapieansatz bei degenerativen Wirbelsäulenerkrankungen

Studie mit Bewegungsprogramm

Sportwissenschaftler der Otto-von-Guericke-Universität Magdeburg und Mediziner des Klinikums Magdeburg wollen gemeinsam in einer groß angelegten Studie ein neues Therapiekonzept für ältere Menschen mit Wirbelsäulenerkrankungen erproben. 
Das neuartige Therapiekonzept wurde von Prof. Dr. Lutz Schega vom Lehrstuhl für Gesundheit und Körperliche Aktivität der Otto-von-Guericke-Universität Magdeburg zusammen mit dem Orthopäden PD Dr. med. Jörg Franke, Chefarzt der Klinik für Orthopädie II am Klinikum Magdeburg, entwickelt. Die Umsetzung wird gemeinsam mit dem Universitätsklinikum (Prof. Dr. med. Hans-Jochen Heinze) realisiert.

„Beschwerden im Bereich des unteren Rückens werden häufig durch degenerative Veränderungen der Lendenwirbelsäule ausgelöst, also durch Abnutzung und Verschleiß hervorgerufene Veränderungen, die zu einer schmerzhaften Verengung des Wirbelkanals, der sogenannten Spinalkanalstenose, führen“, so PD Dr. med. Jörg Franke. „Das bedeutet für die meist älteren Menschen chronische Schmerzen, eingeschränkte Mobilität und letztendlich eine deutliche Minderung der Lebensqualität“, erläutert der Wirbelsäulenspezialist. „Die gängige physiotherapeutische Behandlung, gekoppelt mit einer Schmerztherapie, führt oft nicht zum gewünschten Behandlungserfolg, sondern zum Drehtüreffekt, das heißt, auch nach OP oder klassischen Reha-Maßnahmen kehren die Beschwerden zurück. Die bisherigen Leitlinien zur Behandlung von Patienten sind also leider nur bedingt erfolgreich.“ 

Das dem neuen Therapieansatz zugrundeliegende Bewegungsprogramm MultiMove kombiniert daher im Gegensatz zu konventionellen Therapien ein funktionelles Muskelstabilisationstraining der Rumpf- und Rückenmuskulatur durch ausgewählte Gleichgewichts-, Koordinations- und Kognitionsübungen mit spezifischen tanztherapeutischen Bewegungen. 
Bewegungsabläufe wie beim Tanzen hätten sich als alternative Bewegungsform bereits im Kontext von Prävention und Rehabilitation etabliert, wie z. B. im Bereich der Altersfitness oder bei der Behandlung von neurologischen Erkrankungen, wie Parkinson oder Demenz, so der Sportwissenschaftler Prof. Dr. Lutz Schega. „Tanzen stellt für Menschen mit degenerativen Wirbelsäulenerkrankungen also eine sehr gute Möglichkeit dar, motorisch-funktionelle, koordinative und auch kognitive Fähigkeiten anzusteuern, die, wie wir heute wissen, in einer engen Wechselbeziehung zur körperlichen Aktivität stehen. Wir unterstellen dem Programm MultiMove, dass insbesondere die allgemeine Mobilität, Balance, Körperstabilität und damit die oft eingeschränkte Gehfähigkeit gezielt verbessert werden können. Darüber hinaus schafft das Programm einen Raum für soziale Interaktion.“ Ein wesentlicher Aspekt, betont der Bewegungsexperte weiter, da die degenerativen Wirbelsäulenerkrankungen zu chronischen Rückenschmerzen beitragen können, bei denen neben dem physischen Funktionsverlust auch psychosoziale Einschränkungen erlebt werden, wie z. B. Depression oder sozialer Rückzug. Diese mehrschichtige Beeinträchtigung führe zu einer verminderten Lebensqualität und trage nachweislich zu einer geringeren Lebenserwartung bei. 

„Wir verfolgen deshalb einen biopsychosozialen Ansatz“, erklärt der Bewegungsexperte weiter. „Das heißt, wir gestalten eine reizreiche und herausfordernde Umgebung, die die eigenen Ressourcen der Patientinnen und Patienten in den Bereichen körperliche Aktivität, kognitive Leistungsfähigkeit und Motivation stärkt und ausbaut. Die Devise lautet: fördern, aber auch fordern!”  
Die Studie trägt damit dazu bei, dass die meist älteren Patientinnen und Patienten motiviert werden, gezielte Aktivitäten und Bewegungen in ihren Alltag zu integrieren. So sollen langfristig Rückenschmerzen vermindert, Operationen reduziert, Alltagsmobilität erhöht und nachhaltig Lebensqualität und -zufriedenheit der Betroffenen verbessert werden. 

Mehr als 200 Interessenten melden sich

Auf den Aufruf im Herbst 2020 haben sich innerhalb weniger Tage mehr als 200 Rückenschmerzpatienten und -patientinnen gemeldet. „Diese große Nachfrage bestärkt uns darin, dass wir mit unserem Forschungsvorhaben an einem, auch für die Magdeburger Bürger und Bürgerinnen, relevanten Thema arbeiten“, sagt Britta Kaps, die als wissenschaftliche Mitarbeiterin für die Projektkoordination verantwortlich ist.
Die Interessenten wurden im ersten Schritt über telefonische Interviews, gefolgt von einer medizinischen Voruntersuchung im Hinblick auf die Einschlusskriterien rekrutiert. 

Unter Berücksichtigung der Corona-Vorgaben konnte im Jahr 2020 jedoch nur mit einer kleinen Gruppe gestartet werden. Das Forschungsteam freut sich, dass das Bewegungsprogramm von den Patienten und Patientinnen sehr gut angenommen wurde. Nun geht es um die quantifizierbaren Unterschiede. „Hierfür belgeiten wir die Probanden und Probandinnen im Rahmen der Studie ein halbes Jahr“, erklärt Britta Kaps. In diesem Zeitraum wird zu drei Zeitpunkten die Schmerzsituation allumfassend hinsichtlich psychologischer Aspekte, dem subjektiv wahrgenommenen Gesundheitszustand sowie der kognitiven und motorischen Leistungsfähigkeit erfasst.

Wie schnell die Studie zu einem Ergebnis führt, hängt momentan auch von der Pandemie-Situation ab. „Sobald es wieder möglich sein wird, freuen wir uns weiteren Teilnehmern und Teilnehmerinnen das Bewegungsprogramm zu ermöglichen“, sagt Britta Kaps. Demnach liegen derzeit noch zu wenige belastbare Befunde zur Wirkung des Bewegungsprogramms vor. An dem angestrebten Ziel, diesen neuartigen therapeutischen Ansatz in der Rehabilitation zu etablieren und darüber hinaus ein primärpräventives Angebot  zu schaffen, wollen alle Beteiligten trotz Corona festhalten. 
 

Stand: Februar 2020

Kontakt

Orthopädie

Frau Janine Schlicke
Chefsekretärin der Klinik für Orthopädie

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