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KI-Hype sorgt für Zulauf in der Pflege: Arbeit am Menschen wird als krisenfester Job immer beliebter

Olaf Abraham, Pflegedirektor im Klinikum Magdeburg, im Interview

28.08.2026

Hr. Abraham, in den USA haben inzwischen zig Tausende Studierende Panik, dass Künstliche Intelligenz sie noch während ihres laufenden Studiums in ihrem Fachgebiet überholen wird, so dass sie nach ihrer Uni-Zeit arbeitslos werden. Wie wahrscheinlich ist so etwas für die Ausbildung im Pflegeberuf?

Abraham: Das halte ich für eher unwahrscheinlich. Wir erleben doch KI vor allem da, wo Algorithmen Berufe bestimmen, also Robotik am Band oder Rechenleistung im Controlling-Bereich. Auch der Beruf des Rechtsanwalts wird durch KI sehr verändert werden. Pflege hingehen lebt doch ganz stark von spontanen Interaktionen mit Patienten, von Mitmenschlichkeit und Empathie. Man darf nicht vergessen: Eine KI kann sicherlich Muster erkennen, aber doch nicht fühlen. Von daher ist es doch sehr unwahrscheinlich, dass wir in der Pflege von KI abgelöst werden.

Wer sich aber auf Fachkongressen zum Thema Pflege umschaut, stellt fest, dass auch hier viel Hoffnung auf Künstliche Intelligenz gesetzt wird. Etwa auch, um den drohenden Mangel an Pflegefachpersonen abzufedern. Teilen Sie diese Hoffnung?

Abraham: Meine ganz große Hoffnung ist, dass Pflege endlich mal entlastet wird von dem, was ihr alles in Sachen Bürokratie zugemutet wird. Da kann KI sicherlich eine ganz große Bereicherung sein …

… also z.B. alles das, was man so unter „Dokumentationsaufwand“ in der Pflege kennt.

Abraham: Genau, wir haben unglaubliche Fortschritte in der Spracherkennung. Wenn ich mir alleine vorstelle, was wir derzeit noch alles an Zeit für die Leistungserfassung in der Pflege benötigen, und wenn dass dann von einer KI zu steuern wäre, wäre das ein echter Mehrwert. Wir brauchen nichts mehr in Rechner eintippen, sondern können uns auf die Gespräche mit den Patienten und auf Pflegevisiten konzentrieren.

Viele unterschätzen die Geschwindigkeit, mit der sich KI ausbreitet. Was macht Sie so sicher, dass KI nicht auch irgendwann den Pflegeberuf komplett ersetzen wird?

Abraham: Nehmen wir mal einen Menschen mit Demenz, der zu uns ins Krankenhaus kommt. Er ist also nicht in seinem gewohnten Umfeld, was für ihn eine enorme Herausforderung ist. Was braucht dieser Mensch? Er braucht Sicherheit, Struktur. Aber jeder ist da individuell. Ein Herr Meier braucht etwas anderes als eine Frau Müller. Wir als Pflege müssen auf diese Person eingehen. Wir müssen nah sein und ebenso individuell schauen, wie wir helfen können. Und ich glaube, hier haben wir auch die Grenze einer KI beschrieben. In einer Notaufnahme, einer Intensivstation oder im OP sind Patienten in Grenzsituationen. Es entstehen Ängste, unvorhersehbare Reaktionen. Da brauche ich menschliche Begleitung, denn nur so sind solche Situationen zu beherrschen.

Gibt es schon heute Bereiche oder Anwendungen innerhalb der Pflege, die durch KI einen echten Mehrwert erleben? Allgemein und vielleicht sogar speziell hier im Klinikum Magdeburg.

Abraham: Momentan setzen wir im Klinikum ja bereits einiges an KI in der Diagnostik, also in der Radiologie oder im EKG ein. Da schaut dann eine KI über einen Befund, aber die letztliche Entscheidung trifft immer noch ein Mensch. In der Pflege haben wir noch keine KI im Einsatz, wobei es da sicherlich interessante Ansätze am Markt gibt, wie wir per KI unsere erbrachten pflegerischen Leistungen dokumentieren können. Es gibt auch KI, die Hinweise zu bestimmten Behandlungspfaden gibt. Die z.B. sagt: Mensch, dieser Patient hat bei diesen Werten eventuell eine Sepsis, also Blutvergiftung. Wir erleben künftig Monitoring-Situationen, also Überwachung von bestimmten körperlichen Anzeichen nicht mehr nur auf der Intensivstation, sondern zunehmend auch auf Normalstationen. So sind z.B. „digitale Pflaster“ in der Erprobung, die über Wlan mitteilen, wie sich die Wunde entwickelt. Dass all solche Daten dann von einer KI frühzeitiger gelesen werden können, ist natürlich ein Vorteil.

Haben Sie keine Sorge, dass wenn KI in sensible Pflegeprozesse eingreift, die Pflege dadurch weniger menschlich wird? Und damit auch der Pflegeberuf insgesamt eine völlig neue Ausrichtung bekommt – vom tatsächlich Pflegenden hin zu einem Überwachenden von KI?

Abraham: Was in zehn Jahren sein wird, lässt sich natürlich schwer abschätzen. Aber schon jetzt sehen wir ja, dass der KI-Einfluss nicht nur positiv ist. Auf Kinder und Jugendliche hat er jetzt schon negative Folgen, weil er z.B. süchtig macht. Ein junger Mann in Japan hat sich umgebracht, weil er seine KI nicht real treffen konnte. Der aktuelle Hype rund um KI wird kippen, da bin ich mir relativ sicher. Wir wissen doch, dass Babys auf dem Bauch ihrer Mutter Bindung erleben – wie soll so etwas per KI gehen? Ebenso erleben Erwachsene durch Nähe und Resonanz eine beruhigende Wirkung auf den Blutdruck oder auch positive Einwirkungen auf das Immunsystem.  Deshalb glaube ich, dass wir Menschen und damit auch wir Pflegefachpersonen das Mensch-sein nicht verlieren werden.

Und doch gibt es ja digitale Lösungen für Menschen mit Depressionen, die ein echter Game-Changer in ihrer Therapie sein können. Weil sie z.B. in einer stoischen Penetranz dem Menschen helfen, die ein anderer Mensch allein schon zeitlich gar nicht aufbringen kann.

Abraham: Ich hoffe immer, dass das alles nur zur Unterstützung dient, sowohl beruflich als auch privat. Was wir aber eben als soziale Wesen brauchen, lässt sich nicht ersetzen: soziale Bindung und menschliche Empathie. Wir sind fühlende Wesen und damit mehr als ein Algorithmus.

Es ist wohl wie überall in der Medizin: Die Dosis macht das Gift. Während wir nun den KI-Hype und die Angst um Arbeitsplätze in der Gesellschaft erleben, sehen wir im Klinikum Magdeburg, dass die Zahl der Bewerbungen für Ausbildungsstellen in der Pflege spürbar steigen. Hängt das miteinander zusammen?

Abraham: Wir haben in der Tat gerade einen Zulauf, das ist so. Wir haben unsere Praxisanleitung umgestellt, dazu das Recruiting. Aber natürlich ist eben auch die Begleitung während der Ausbildung entscheidend. An dieser Stelle einen herzlichen Dank an Peter Köhler auf der Intensivstation und Tim Kiery in der Praxisanleitung, da ist viel passiert. Das trägt sicherlich alles dazu bei, aber klar ist auch: Wir erleben inzwischen allgemein andere Begleitumstände im Leben junger Menschen, die sich natürlich auch fragen, was ein krisensicherer Job ist. Gerade jetzt mit dem Niedergang der Automobilindustrie. Es bleibt jedenfalls spannend für uns als Klinikum.

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